{"id":559,"date":"2025-11-03T16:48:00","date_gmt":"2025-11-03T15:48:00","guid":{"rendered":"https:\/\/gudrunhenne.de\/blog\/?p=559"},"modified":"2025-11-03T16:57:32","modified_gmt":"2025-11-03T15:57:32","slug":"duemmer-werden-mit-ki-wege-aus-der-falle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gudrunhenne.de\/blog\/duemmer-werden-mit-ki-wege-aus-der-falle\/","title":{"rendered":"D\u00fcmmer werden mit KI. Wege aus der Falle"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>D\u00fcmmer werden mit KI. Wege aus der Falle<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mitten in Berlin habe ich mich verfahren. Zweimal war ich an Kreuzungen im Altbau-Wohngebiet hoffnungsvoll abgebogen, nur um festzustellen, dass auch dies nicht die richtige Stra\u00dfe war. Ich fluchte. Bl\u00f6des Smartphone, dumme Navigationsapp. Externalisieren nennt man das. Denn bl\u00f6d und dumm war ich. Bl\u00f6d, weil ich mein Smartphone im B\u00fcro hatte liegen lassen und dumm, weil ich mir den Weg nicht gemerkt hatte. Ich war ihn schon dreimal gefahren, immer mit NavigationsAPP, immer mit den Gedanken woanders. Ich war der Stimme der App stumpf gefolgt ohne mir die Strecke einzupr\u00e4gen. Was ein leichtes h\u00e4tte sein k\u00f6nnen, wenn ich sie mir nach der Fahrt nochmal vergegenw\u00e4rtigt h\u00e4tte oder sie mir auf dem alten Falk-Faltplan, der irgendwo im Handschuhfach \u2013 lag, angesehen h\u00e4tte.<br>Doch so macht man das nicht mehr. Was \u201eman\u201c stattdessen macht, ist, langsam das r\u00e4umliche Vorstellungs- und Erinnerungsverm\u00f6gen zu verarmen. Eventuell sogar zu verlieren. Aus Faulheit selbstverschuldete Verdummung und Verunf\u00e4higung. Statt nachzudenken, welche Strecke ich nehmen k\u00f6nnte und dann mit der APP die beste Strecke zu verifizieren, greife ich lieber bequem gleich zum Handy.<br><br>\u201eIf you don\u2018t use it, you loose it\u201c lautet ein Grundsatz in der biologischen Vielfalt. Der Satz ist universell. Er ist anwendbar auf K\u00f6rpermuskeln, handwerkliches Geschick, virtuose Gesangsk\u00fcnste &#8211; und das Gehirn mit seiner Vorstellungskraft, Kreativit\u00e4t, Intuition, assoziativen Verkn\u00fcpfung, seinen Ideen und originellen L\u00f6sungsvorschl\u00e4gen.<br><br>Das mit der Navigation per App und nicht per Hirn, das ist nur der Anfang. Seit Chatbots, allen voran ChatGPT verf\u00fcgbar sind, ist der Weg in die Verdummung breit und attraktiv.<br>Meine Studierenden an der ESCP, der <a href=\"https:\/\/escp.eu\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">European Business School<\/a>, verrieten mir unl\u00e4ngst, dass sie bei Ger\u00e4ten, die sie nicht zu bedienen w\u00fc\u00dften, das Nutzungsboard abfotografierten und ChatGPT fragten, wie es funktioniert. Im April 2025 hat die Nutzerbasis von ChatGPT jeden zehnten Menschen auf der Welt erreicht. Es sind etwa 800 Millionen Nutzer und etwa 1,5 Milliarden Besuche pro Monat<sup><a href=\"#_edn1\" id=\"_ednref1\">[i]<\/a><\/sup>. Welche Folgen hat das f\u00fcrs Gehirn?<\/p>\n\n\n\n<p>Nach j\u00fcngster neurowissenschaftlicher Forschung ver\u00e4ndern sich die Nervenzellen und deren Verbindungen entsprechend unserer Erfahrungen st\u00e4ndig. In IT-Sprech hei\u00dft das, dass sich die Hardware (Nervenzellen und Verbindungen) an die Software (unsere Erfahrungen) anpassen. Das Gehirn, plastisch und sich st\u00e4ndig ver\u00e4ndernd, formt sich anhand dessen, was man ihm als Input anbietet, um die Informationen besser verarbeiten zu k\u00f6nnen. Die praktischen und gesellschaftlichen Konsequenzen von Chatbots und \u201eAlltags-KI\u201c werden kaum diskutiert<sup><a href=\"#_edn2\" id=\"_ednref2\">[ii]<\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Eine MIT-Studie<sup><a href=\"#_edn3\" id=\"_ednref3\">[iii]<\/a><\/sup> mit 54 Probanden teilte diese in drei Gruppen ein. Alle schrieben \u00fcber mehrere Monate Essays f\u00fcr den schulischen Aufnahmetest SAT (Schorlarly Assessment Test). Eine Gruppe nutzte nur ihr eigenes Gehirn, die zweite Google Search, die dritte ChatGPT. Die Gehirnwellen wurden gemessen, sowohl w\u00e4hrend als auch nach dem Test. Die Neurokonnektivit\u00e4t der Probanden, die nur ihr eigenes Gehirn nutzten, war in den Bereichen Ged\u00e4chtnis, Kreativit\u00e4t und Prozessabl\u00e4ufe wesentlich h\u00f6her als bei den Vergleichsgruppen. Au\u00dferdem waren die Probanden engagierter und zufriedener mit dem Ergebnis. Die inhaltliche Bewertung der Essays ergab, dass es den Essays der CHatGPT-Nutzer:innen an inspirierenden und originellen Gedanken mangelte und dass ihre Gehirnaktivit\u00e4t \u00fcber den Versuchszeitraum immer geringer wurde.<br><br>F\u00fcr Gehirnnachdenkende ist das Ergebnis wenig \u00fcberraschend: \u201eIf you don\u2018t use it, you loose it\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Menschen haben kognitive Fertigkeiten schon immer ausgelagert<sup><a href=\"#_edn4\" id=\"_ednref4\">[iv]<\/a><\/sup>. Das Problem sei nicht, schreibt Jan Lutz<sup><a href=\"#_edn5\" id=\"_ednref5\">[v]<\/a><\/sup>, sich technischer Hilfsmittel zu bedienen, etwa einer Rechenmaschine, eines Taschenrechners, eines Diktierger\u00e4ts, sondern, dadurch seines kritischen Denkens verlustig zu gehen. Kritisches Denken? Uns ist es nicht bewusst, aber das ist es, was wir seit Beginn der Schulzeit bis zum Ende der Ausbildung als abendl\u00e4ndisches Denken lernen und unser Leben lang anwenden (sollten):&nbsp; faktengest\u00fctztes Nachdenken, ohne sich zu sehr von Gef\u00fchlen oder Meinungen beeinflussen zu lassen. Dazu geh\u00f6ren lt. Wikipedia logische Prinzipien, Beweisstandards und sorgf\u00e4ltige Argumentation bei der Analyse und Diskussion von Informationen, Behauptungen, \u00dcberzeugungen und Problemen, um zu einem eigenen Urteil zu gelangen. Um zu einem eigenen Urteil zu gelangen!<\/p>\n\n\n\n<p>Genau das ist die Versuchung, die uns Chatbots aussetzen: Das eigene Urteil auszulagern und es einem Large Language Model zu \u00fcberlassen. Der Kantsche Appell, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, um aus der selbstverschuldeten Unm\u00fcndigkeit zu befreien. Die eigene Urteilskraft hintanzustellen, indem man aus Faulheit oder Unsicherheit auf etwas vertraut, was m\u00f6glicherweise halluziniert oder einseitig trainiert wurde und dessen Operationen weder vorhersehbar noch kontrollierbar sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie entgehe ich den Versuchungen des Chatbots?<\/strong> Es ist einfach. Aber nicht leicht. Die Disziplin liegt darin, stets vorher nachzudenken und dann erst zum IT-Tool zu greifen. Die vorschlagenen Ergebnisse muss ich danach kritisch reflektieren. Als erster Ansatz hilft der gesunde Menschenverstand (vorausgesetzt, er ist mir noch nicht abhandengekommen): \u201eKann das sein?\u201c. Zweite Frage: Stimmt es mit meinen Daten und Informationen \u00fcberein?&nbsp; Was k\u00f6nnte halluziniert sein?\u201c<sup><a href=\"#_edn6\" id=\"_ednref6\">[vi]<\/a><\/sup>, und daran anschlie\u00dfend: \u201eWie bzw. wo kann ich die Vorschl\u00e4ge des Chatbots \u00fcberpr\u00fcfen?\u201c Die Liste weiterer der Fragen ist lang und kommt auf die dem Chatbot, Navi oder IT Tool gestellte Frage an.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur wenn ich kritisches Denken anwende, statt es auszulagern, kann das IT-Werkzeug meine Erkenntnisse bereichern und mich inspirieren.&nbsp; Sonst werde ich d\u00fcmmer und d\u00fcmmer, gen\u00e4hrt von zunehmender Faulheit und Unsicherheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Was gilt es zu tun? Auch hier hilft, wie in den meisten Aspekten des Lebens, das eigene Denken und das eigene Selbst-Gewahrsein zu schulen. Vor allem Letzteres. Mein Selbst-Gewahrsein warnt mich vor Faulheit und es unterst\u00fctzt angemessenes Selbstvertrauen. Ich wei\u00df, was ich wei\u00df. Ich vertraue wachsam meinen eigenen Einsch\u00e4tzungen und Entscheidungen und \u00fcberpr\u00fcfe, was mir angeboten wird. Ich widerstehe einer bequemen Auslagerung der Entscheidung auf elektronische Hilfsmittel, weil ich um die l\u00e4ngerfristige Wirkung auf mein Gehirn, mein Leben und meine Eigenst\u00e4ndigkeit wei\u00df. Ich steuere aktiv entgegen. Ich bleibe Herrin der Lage. Der Chatbot ist mein Werkzeug, \u00fcber das ich entscheide. Ich bin die Hexenmeisterin und beherrsche meine Zauberspr\u00fcche, ich kann die Wasserfluten d\u00e4mmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir stehen an der Schwelle, zu entscheiden, ob wir weiter in die selbst verschuldete Unm\u00fcndigkeit hineinschlittern oder uns unseres eigenen Verstandes zu bedienen wissen. Es w\u00e4re interessant, zu erfahren, welchen Aufsatz Kant heute schriebe.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref1\" id=\"_edn1\">[i]<\/a> <a href=\"https:\/\/doit.software\/de\/blog\/chatgpt-statistiken\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/doit.software\/de\/blog\/chatgpt-statistiken<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref2\" id=\"_edn2\">[ii]<\/a> Spitzer, Manfred, K\u00fcnstliche Intelligenz. Dem Menschen \u00fcberlegen \u2013 wie KI uns rettet und bedroht, Droemer 2023, S. 83.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref3\" id=\"_edn3\">[iii]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.media.mit.edu\/projects\/your-brain-on-chatgpt\/overview\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.media.mit.edu\/projects\/your-brain-on-chatgpt\/overview\/<\/a><br>You-Tube Zusammenfassung f\u00fcr Eilige: Today I learned science:\u00a0 Your brain on chatgpt <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=wFKtxnggQ3w\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=wFKtxnggQ3w<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref4\" id=\"_edn4\">[iv]<\/a> Michael Gerlich, AI Tools in Society: Impacts on Cognitive Offloading and the Future of Critical Thinking, in: <em>Societies 2025, 15,6, <\/em><a href=\"https:\/\/www.mdpi.com\/2075-4698\/15\/1\/6\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.mdpi.com\/2075-4698\/15\/1\/6<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref5\" id=\"_edn5\">[v]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/technik\/ki\/kuenstliche-intelligenz-werde-ich-duemmer-seit-ich-ki-nutze\/100157138.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.handelsblatt.com\/technik\/ki\/kuenstliche-intelligenz-werde-ich-duemmer-seit-ich-ki-nutze\/100157138.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#_ednref6\" id=\"_edn6\">[vi]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/unternehmen\/management\/kuenstliche-intelligenz-wir-muessen-selbst-nachdenken-sonst-verkuemmert-unser-gehirn\/100159115.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.handelsblatt.com\/unternehmen\/management\/kuenstliche-intelligenz-wir-muessen-selbst-nachdenken-sonst-verkuemmert-unser-gehirn\/100159115.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><br><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"caret-color: rgb(0, 0, 0); color: rgb(0, 0, 0); font-family: Calibri, sans-serif; font-size: 14.666667px; font-style: normal; font-variant-caps: normal; font-weight: 400; letter-spacing: normal; orphans: auto; text-align: start; text-indent: 0px; text-transform: none; white-space: normal; widows: auto; word-spacing: 0px; -webkit-text-stroke-width: 0px; text-decoration: none; display: inline !important; float: none;\"> <\/span><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mitten in Berlin habe ich mich verfahren. Zweimal war ich an Kreuzungen im Altbau-Wohngebiet hoffnungsvoll abgebogen, nur um festzustellen, dass auch dies nicht die richtige Stra\u00dfe war. Ich fluchte. Bl\u00f6des Smartphone, dumme Navigationsapp &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":558,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-559","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-strategie-organisation"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/gudrunhenne.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/559","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/gudrunhenne.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/gudrunhenne.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gudrunhenne.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gudrunhenne.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=559"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/gudrunhenne.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/559\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":570,"href":"https:\/\/gudrunhenne.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/559\/revisions\/570"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/gudrunhenne.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/558"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/gudrunhenne.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=559"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/gudrunhenne.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=559"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/gudrunhenne.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=559"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}