{"id":587,"date":"2026-08-09T18:01:04","date_gmt":"2026-08-09T16:01:04","guid":{"rendered":"https:\/\/gudrunhenne.de\/blog\/?p=587"},"modified":"2026-08-09T18:20:01","modified_gmt":"2026-08-09T16:20:01","slug":"glorreich-scheitern-mit-ki-was-uns-der-ki-versuch-beim-ring-in-bayreuth-ueber-unser-gehirn-fuehren-und-transformation-lehrt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gudrunhenne.de\/blog\/glorreich-scheitern-mit-ki-was-uns-der-ki-versuch-beim-ring-in-bayreuth-ueber-unser-gehirn-fuehren-und-transformation-lehrt\/","title":{"rendered":"Glorreich Scheitern mit KI. Was uns der KI-Versuch beim \u201eRing\u201c in Bayreuth \u00fcber unser Gehirn, F\u00fchren und Transformation lehrt"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Endlich vorbei! Nach 15 verzweifelten Stunden machten sich die knapp 2000 Festspielzuh\u00f6rer und -zuh\u00f6rerinnen Luft: Laute Buhrufe begr\u00fc\u00dften das Team um den Kurator Marcus Lobbes, als es sich am Ende der G\u00f6tterd\u00e4mmerung auf die B\u00fchne wagte. Eingebettet in frenetischen Applaus f\u00fcr die musikalische Leistung. F\u00fcr diese gab viele Vorh\u00e4nge, w\u00e4hrend sich das Kurations-Team nur einmal zeigte und unter dem Buh-Regen schnell wieder verschwand. Zu Recht.<br>Die KI-gesteuerte B\u00fchnenbilderflut des \u201eRing des Nibelungen\u201c im Jubil\u00e4umsjahr der Bayreuther Festspiele ist krachend gescheitert. Warum, und was lernen wir daraus?<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Wie wurde die KI instruiert?<\/h4>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Team hatte zahllose Bilder von Inszenierungen des Rings, Texte, Partituren und gesellschaftspolitische Schl\u00fcsselmomente der Jahre 1876 bis 2026 einer h\u00fcgeleigenen Maschine gef\u00fcttert. Diese kreiert Life-Bilder aus dem Material, basierend auf der Musik und den mit einer Infrarotkamera verfolgten Bewegungen der Singenden. Nur wenig war der Maschine vorgegeben: Zu Beginn jeden Akts gab es festgelegte alte B\u00fchnenbilder. Alle sechs Minuten wurde, unabh\u00e4ngig vom B\u00fchnengeschehen, ein zeitgeschichtliches Schl\u00fcsselereignis in chronologischer Reihenfolge von 1976 bis 2026 eingeblendet \u2013 eine Art Revue der 150 Jahre verteilt auf 14,5 Stunden. Die Mixturen der KI, die aus dem Sammelsurium entstanden, wurden auf zwei b\u00fchnengro\u00dfe Gazew\u00e4nde projiziert, die die Singenden einschloss.<br>Das Ergebnis? Ineinanderlaufende Farbkreationen aller Art fast im Sekundentakt, \u00fcberblendete Gesichter von Zeitprominenz, verzerrte bzw. sich verzerrende Bilder alter Inszenierungen, Schriftzugfetzen, Finger, Eichh\u00f6rnchen, Ausschnitte von Elefanten, verlaufende Aquarellfarben, m\u00e4andernde Muster. Jede Bedeutungsgebung scheiterte fast schon im Moment seines Entstehens. Kaum glaubte das Gehirn, eine Verbindung erkannt zu haben, l\u00f6ste sich das Bild auf, \u00fcberlagerte sich mit dem n\u00e4chsten oder wurde von einem v\u00f6llig anderen visuellen Reiz verdr\u00e4ngt. Das Entscheidende war jedoch nicht die einzelne Absurdit\u00e4t eines Bildes. Das Problem war: Es entstand kein Zusammenhang. Nicht Mehrdeutigkeit war das Problem. Gute Kunst lebt von Mehrdeutigkeit.Das Problem war Bedeutungslosigkeit bei maximaler Reizdichte.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Wie wirkte die KI auf die Zuschauenden?<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Qual! K\u00f6rperliche Qual! Die meist viel zu kurztaktigen Bilder, v\u00f6llig losgel\u00f6st vom musikdramatischen Inhalt, waren parallele visuelle Angebote an das Gehirn. Es wurde sinnbefreit \u00fcberflutet und versuchte, zugleich den musikdramatischen Geschehnissen zu folgen.<br>Das Nervensystem der Zuschauenden war \u00fcberfordert. Viele schlossen die Augen, weil sie die sinnbefreite Bildschwemme nicht ertrugen. Kopfschmerzen bekamen. Reiz\u00fcberflutet waren. Und doch sitzenblieben, um an einem musikalischen Weltklasseerlebnis teilzuhaben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wir kennen das Ph\u00e4nomen aus schlechtem Fernsehjournalismus: Das Bild passt nicht zum Text. Beliebiges Bildmaterial wird \u00fcber die Tonspur gelegt. Der Unterschied zum Ring: Die Bilder sind meist real und werden als Standbild gezeigt. Beim n\u00e4chsten Schnitt passt es wieder f\u00fcr eine Weile. Au\u00dferdem sitzt der TV-Nutzende im Wohnzimmer, nicht im dunklen Zuschauerraum, aufs B\u00fchnengeschehen fokussiert und hat mehr Ablenkungsm\u00f6glichkeiten.<br>Die Momente, die ertr\u00e4glich waren, waren die, in denen die Bilder der KI zum musikalischen Ereignis passten. Die Momente, die das KI-Team bewusst kuratiert hatte und das Ergebnis nicht den internen Rechenleistungen der Maschine \u00fcberlassen hatten. Diese Momente waren es, die die Zuschauer: innen in den Pausen als angenehm oder passend konnotierten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Leider zu wenig, um den Gesamtschmerz an der Veranstaltung zu lindern.<\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Schlussfolgerungen f\u00fcr F\u00fchrung und Transformation<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Welche kunsttheoretischen \u00dcberlegungen angestellt worden waren, vermag ich nicht zu sagen. Mir geht es um die fatale Wirkung auf die meisten Zuschauer als Adressaten des Festspiels .<br>Nimmt man in einer mentalen Dehn\u00fcbung das Musiktheater als Metapher f\u00fcr Unternehmen und Organisationen, welche Rolle h\u00e4tten dann die Zuschauer? Zum einen sind sie Kundinnen und Kunden: Sie kaufen Karten und wollen Unterhaltung. Wenn das Produkt nicht gef\u00e4llt, wird es abgelehnt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch sind Zuschauer nicht auch, mit breitem lockeren Blick, eine Form von Mitarbeitenden? Wenn ihr Applaus die \u00fcber das \u00dcbliche hinausgehende Leistung ist, die ich als Unternehmer:in hervorrufen m\u00f6chte, muss ich sie dazu motivieren. Pr\u00e4senz allein reicht nicht, sie m\u00fcssen begeistert sein von dem, wohin ich sie f\u00fchre. Ich will, dass sich meine Mitarbeitenden \u00fcber das zu erwartbare Ma\u00df einbringen, nur dann werde ich als Unternehmen dauerhaft Erfolg haben. Ich muss also Wort und Tat des F\u00fchrens an der Wirkung ausrichten.<br>War die Wirkung auf das Publikum je Gegenstand der \u00dcberlegungen des Kuratorenteams? Interviews mit Marcus Lobbes vermitteln den Eindruck, dass das Team von operativen Aufgaben wie Bilderauswahl, Rechte-Erteilung und technischer Umsetzung so absorbiert war, dass diese Frage in den Hintergrund geriet. Oder, weniger wohlwollend lokal-sprachlich ausgedr\u00fcckt: Es war ihm wurscht. Er machte ein Experiment, mit dem Placet der Hausleitung. Zuschauerwirkung? Kollateralschaden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aus alldem ergeben sich mehrere allgemeing\u00fcltige Schlussfolgerungen:<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">(1) Managen Sie die Informationsdichte<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Informationen d\u00fcrfen nicht in zu kurzen Sequenzen getaktet sein, sonst ist das Gehirn \u00fcberfordert und der Adressat f\u00fchlt sich genervt. Die Botschaft kommt nicht an (wobei es im vorliegenden Fall gar keine gab, dazu sogleich).<br>Wer seine Mitarbeitenden im Transformationsprozess mit st\u00e4ndig neuen Botschaften, Pr\u00e4sentationen, Priorit\u00e4ten, Begriffen und Initiativen beballert, erzeugt nicht Klarheit, sondern kognitive \u00dcberlastung.<br>Mehr Kommunikation ist deshalb nicht automatisch bessere Kommunikation. Manchmal ist weniger mehr. Statt Mitarbeitende mit Informationen zu beschie\u00dfen, sollten F\u00fchrungskr\u00e4fte bewusst ausw\u00e4hlen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Was m\u00fcssen die Menschen jetzt wissen?<\/li>\n\n\n\n<li>Was m\u00fcssen sie verstehen?<\/li>\n\n\n\n<li>Was sollen sie daraus ableiten?<\/li>\n\n\n\n<li>Und was k\u00f6nnen wir weglassen?<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gute Transformationskommunikation portioniert Komplexit\u00e4t und schafft verarbeitbare Einheiten.<br>Und sie l\u00e4sst dem Gehirn Zeit, neue Informationen mit bestehenden Vorstellungen zu verbinden.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">(2) Das Gehirn braucht Kongruenz<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gesagtes und Visuelles m\u00fcssen \u00fcbereinstimmen, das gilt auch f\u00fcr Verhalten und Kommunikation. Menschen reagieren sensibel auf Widerspr\u00fcche.<br>Wenn eine F\u00fchrungskraft von Vertrauen spricht, gleichzeitig aber jede Kleinigkeit kontrolliert, entsteht Inkongruenz. Wenn von Eigenverantwortung die Rede ist, Entscheidungen aber weiterhin ausschlie\u00dflich oben getroffen werden, entsteht Inkongruenz.<br>Wenn eine Organisation \u201eKundenorientierung\u201c propagiert, interne Prozesse jedoch konsequent um die eigene Verwaltung herum baut, entsteht Inkongruenz.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Pr\u00e4sentationen sind ein hervorragendes \u00dcbungsfeld daf\u00fcr: Unterst\u00fctzt die Folie tats\u00e4chlich das Gesagte? Oder konkurriert sie damit? Widerspricht sogar? Wenn ein Vortragender etwas erkl\u00e4rt, w\u00e4hrend die Visualisierung etwas v\u00f6llig anderes signalisiert, muss das Gehirn zus\u00e4tzliche Arbeit leisten und es entsteht Unmut.<br>Fazit: Wort, Bild und Verhalten sollten dieselbe Geschichte erz\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">(3) Das Gehirn braucht Sinn<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bilder und Texte m\u00fcssen nachvollziehbar und sinnvoll sind. Sonst gr\u00fcbelt das Gehirn zun\u00e4chst und schaltet dann frustriert ab. Andererseits halten Menschen erstaunlich viel Belastung aus, wenn sie verstehen, wof\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was sie schlecht aushalten, ist dauerhafte Belastung ohne nachvollziehbaren Sinn. Unser Gehirn sucht deshalb permanent nach Kausalit\u00e4t und Bedeutung: Warum geschieht das? Wie h\u00e4ngt das zusammen? Was bedeutet das f\u00fcr mich?<br>Bleiben diese Fragen unbeantwortet, beginnt zun\u00e4chst das Gr\u00fcbeln. Danach folgen h\u00e4ufig Frustration, Distanzierung und schlie\u00dflich Abschalten.<br>Das gilt f\u00fcr einen sinnfreien Bilderreigen ebenso wie f\u00fcr Transformationen. \u201eWir m\u00fcssen agiler werden\u201c; \u201eWir m\u00fcssen digitaler werden\u201c; \u201eWir m\u00fcssen Synergien heben\u201c; \u201eWir m\u00fcssen KI einsetzen.\u201c sind keine Sinnangebote, sondern Behauptungen.<br>F\u00fchrung beginnt dort, wo ein nachvollziehbares Warum vermittelt wird.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading\">(4) Die Nutzung von KI ohne Verantwortung erzeugt Verwirrung und Fehlleitung.<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist zwar bekannt, doch sind wir uns dessen stets bewusst? Marcus Lobbes hat es komplett untersch\u00e4tzt, obwohl er sich dreieinhalb Jahre mit dem Projekt besch\u00e4ftigte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die vielleicht wichtigste Lehre: Technologie entbindet uns nicht von Verantwortung.<br>Der Bayreuther \u201eRing\u201c liefert damit unfreiwillig eine ziemlich gute Metapher f\u00fcr die kommende KI-Welt. Wir werden in Zukunft nicht an einem Mangel an Informationen, Bildern, Texten und Ideen leiden. Im Gegenteil. Wir werden mit ihnen \u00fcberflutet werden. Masse ist das Gegenteil von Qualit\u00e4t und Generierung von Erkenntnis. Die knappe Ressource ist schon jetzt nicht mehr \u201eContent\u201c, denn die KI kann hundert Vorschl\u00e4ge erzeugen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die knappe Ressource ist: <strong>Mehr Orientierung. Voraussetzung daf\u00fcr ist menschliche Urteilskraft und F\u00fchrung folgt daraus<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das bedeutet:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>aus der \u00dcberf\u00fclle ausw\u00e4hlen<\/li>\n\n\n\n<li>Zusammenh\u00e4nge herstellen<\/li>\n\n\n\n<li>Priorit\u00e4ten setzen<\/li>\n\n\n\n<li>Sinn erzeugen<\/li>\n\n\n\n<li>Widerspr\u00fcche reduzieren<\/li>\n\n\n\n<li><strong>und vor allem: Verantwortung f\u00fcr Wirkung \u00fcbernehmen.<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine unbeabsichtigte Botschaft dieses \u201eRings\u201c k\u00f6nnte sein: <strong>Wo Maschinen unendlich viele M\u00f6glichkeiten erzeugen k\u00f6nnen, wird die F\u00e4higkeit des Menschen, bewusst sinnleitend zu begrenzen, zu eigentlichen Kunst.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/gudrunhenne.de\/blog\/glorreich-scheitern-mit-ki\/#_ednref1\">[i]<\/a> So auch Financial Times, \u201eBayreuth\u2019s AI experiment turns Wagner\u2019s Ring into a giant screensaver\u201c 30.7.2026,&nbsp; https:\/\/www.ft.com\/content\/e7a56995-742b-4e99-a8ea-a152199f0370.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/gudrunhenne.de\/blog\/glorreich-scheitern-mit-ki\/#_ednref2\">[ii]<\/a> Erl\u00e4uterungen von Marcus Lobbes in der Mitgliederversammlung der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth e.V., 3. August 2026; Bayreuther Kurier, \u201eWie viel Ring steckt in der KI?\u201c, 7.8.2026.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bild: (c) Bayreuther Festspiele 2026.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was uns der KI-Versuch beim \u201eRing\u201c in Bayreuth \u00fcber unser Gehirn, F\u00fchren und Transformation lehrt<br \/>\nEndlich vorbei! Nach 15 verzweifelten Stunden machten sich die knapp 2000 Festspielzuh\u00f6rer und -zuh\u00f6rerinnen Luft: Laute Buhrufe begr\u00fc\u00dften das Team um den Kurator Marcus Lobbes, als es sich am Ende der G\u00f6tterd\u00e4mmerung auf die B\u00fchne wagte. Eingebettet in frenetischen Applaus f\u00fcr die musikalische Leistung. Es gab viele Vorh\u00e4nge f\u00fcr die S\u00e4ngerinnen und S\u00e4nger und das Orchester, geleitet von Christian Thielemann, w\u00e4hrend sich das Kurations-Team nur einmal zeigte und unter dem Buh-Regen schnell wieder verschwand. Zu Recht.<br \/>\nDie KI-gesteuerte B\u00fchnenbilderflut des \u201eRing des Nibelungen\u201c im Jubil\u00e4umsjahr der Bayreuther Festspiele ist krachend gescheitert. 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